Lebende Systeme haben keine Stellschrauben

Ein Aquarium ist ein lebendes System. Damit zeichnet es sich nicht nur durch seine Komponenten und deren Interaktionen/Prozesse aus, sondern auch durch ein gewisses Eigenleben. Seine Komponenten können leicht abgezählt, gemessen, bewertet und beschrieben werden. Denn jeder Fisch, jede Pflanze und jeder Einrichtungsgegenstand wurden absichtlich in das Becken eingesetzt. (Fortpflanzung ist ein anderes Thema.) Und doch spiegelt ihre Summe das Ganze nur ungenügend wider.

In ähnlicher Weise verfügt jedes Unternehmen mit mehr als zwei Personen über ein Verzeichnis an Mitarbeitern (Organigramm) und an Inventar (Anlagespiegel), die irgendwann intentional eingestellt bzw. angeschafft wurden, (Warum werden Mitarbeiter „eingestellt“, obwohl sie die meiste Zeit sitzen, Fische aber „eingesetzt“, obwohl sie stets in Bewegung sind?) sowie an mehr oder minder detaillierten Prozesshandbüchern, Strategiepapieren, Mission Statements und Zieldefinitionen. Und doch sieht auch dort die Realität meist anders aus als auf dem Papier.

Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Bepflanzungsplan. Auch die Fische wurden nach strengen Kriterien (eines Südamerika-Beckens) ausgewählt und nach Plan eingesetzt. Mein System-Wissen stammte aus der Fachliteratur ebenso wie aus zahllosen Ratschlägen, Best Practices und ebenso viel Aquarianer-Latein aus dem Internet und seinen einschlägigen Foren.

Wie es in jedem gut gemanagten und qualitätsgesicherten Unternehmen dicke Prozesshandbücher gibt, so gibt es auch für Aquarianer dicke Handbücher über chemische, physikalische und biologische Prozesse im Tank bis hin zu den Verhaltensweisen seiner Insassen.

Heute stellt sich mir die Frage, warum mein Becken, das immer noch ein Südamerikabecken ist, so gänzlich anders aussieht als geplant. Was habe ich falsch gemacht?

Zur Entwarnung: All die schlauen Überlegungen waren schon richtig – und auch notwendig, um gröbere Rüchschläge oder Fehlschläge zu vermeiden. (Ich hatte bisher weder ein Fischsterben, noch einen gröberen Schädlingsbefall.) Wenn da nicht noch etwas wäre. Dieses Etwas betrifft das Leben im „System“. Offensichtlich lässt sich Leben zwar als allgemeines Phänomen, recht gut beschreiben und auch steuern, nicht aber in individuellen Fällen. Eine gewisse Variationsbreite, in der selbst ein Fisch über einen Handlungsspielraum verfügt, potenziert sich mit jeder zusätzlichen Systemkomponente und lässt selbst ein kleines Aquarium (bzw. diese ganz besonders leicht) sehr rasch unberechenbar und somit unplanbar werden. Als Aquarium-Manager ist man gut beraten, wenn man seine Nase ganz nahe an der Frontscheibe hat und aufmerksam beobachtet, was dahinter gespielt wird oder auch gespielt werden möchte. Nur wer sich selbst als Komponente dieses lebenden Systems begreift, kann seinen Beitrag für die langfristige Stabilität des Systems leisten. Darüber hinaus regelt sich das System selbst. Selbst mit den Algen ist mein Aquarium bisher gut zurecht gekommen.

Alles ruhig

70 Insassen im Tank und keine Beschwerden – das sollte einem doch zu denken geben!

Dennoch ist es, wie es ist: Es gibt keine Krankenstände. Der letzte hat sich mit dem Tod des Hyphessobrycon (Phantomsalmler) erledigt. Es gibt auch keine sexuellen Belästigungen mehr, allerdings auch keinen Nachwuchs. Zwei Panda-Welse (Corydoras panda) turteln zwar heftig. Doch dürfte es nichts Ernstes zwischen den beiden sein. Der schöne Betta splendens (Siamesischer Kampffisch) lebt nach wie vor allein. Es ist zwar nicht feststellbar, ob ihm das gefällt. Seine gelegentlichen Annäherungsversuche an Neonsalmler sind jedenfalls erfolglos. Oder ist es umgekehrt? Mehrere Neonsalmler nähern sich gleichzeitig von hinten. Wenn sie ihm zu nahe kommen, schägt der Betta einen Haken und versucht, wenigstens einen von ihnen zu erwischen. Jedoch ohne Aussicht auf Erfolg, da er viel zu langsam ist. Sein ideales Umfeld ist die verkrautete Ecke im hinteren Bereich des Aquariums, wo er sich gekonnt durch das Dickicht aus Vallisnerien schlängelt, ein Bereich, in den sich noch kein Neonsalmler hineingewagt hat.

Derzeit läuft gerade ein Versuch, Moose (Vesicularia dubyana Christmas) anzusiedeln. Erste Versuche mit Aufbinden auf einen Stein und auf Filterschaumstoff sind misslungen. Der Stein lag im lichtschwachen Bereich, sodass das Moos rasch vergammelt ist. Dafür sind auf dem Filterschwamm (im oberen Bereich der Rückwand befestigt) bald die Faden- und Blaualgen gewachsen, nicht aber das Moos. Die letzten verbliebenen Moos-Ästchen sind nun auf einer Holzwurzel aufgebunden, die zwischen den Vallisnerien steht. Der Schatten der Vallisnerien soll die Algen abhalten. Ob es dem Moos wieder zu finster ist? Manche Neuzugänge haben halt sehr lange Einarbeitungs-/gewöhnungszeiten – wie im richtigen Leben auch.