MYTHOS: „TÜV/GS geprüft“, „CE zertifiziert“ und die DIN 32622

Produktbeschreibungen auf Verpackungen, auf Produkt-Websites, in Online-Shops oder als Printwerbung stellen keine wissenschaftlich-technischen Abhandlungen dar, auch wenn sie sich betont wissenschaftlich präsentieren. Fehlinterpretationen sind folglich unvermeidlich und nicht immer ganz ungewollt. Die Grenze zur Irreführung des Kunden, bewusst oder unbewusst, ist fließend, wie das folgende Beispiel zeigt.

In einer Produktvorstellung der Aquarium-Komplettset-Bestseller für das Jahr 2018 steht zu lesen:

„Natürlich wurde das Becken auch vom TÜV/GS geprüft und hat die DIN 32622 CE Zertifizierung erhalten.“ (Aquarium Ratgeber)

Auch die Aquarienluftpumpe derselben Marke

„ist TÜV/GS geprüft, sowie CE zertifiziert und verfügt über 3 Jahre Garantie.“ (Produktbeschreibung)

Dabei ist folgendes zu bedenken:

  1. Werbung mit Selbstverständlichkeiten wie der CE-Kennzeichnung ist unzulässig.

Gemäß einem Urteil des OLG Frankfurt a.M.ist Werbung mit Aussagen wie „CE-geprüft“ irreführend und unzulässig. Denn die Prüfung wird nicht von einer unabhängigen Stelle durchgeführt. Es handelt sich lediglich um eine Prüfung, die der jeweilige Hersteller durchführt oder in Auftrag gibt und auch selbst bezahlt. Mit dem CE-Zeichen werden Produkte gekennzeichnet, die den geltenden Anforderungen in EU-Richtlinien genügen und in Verkehr gebracht werden dürfen. Die CE-Kennzeichnung ist somit kein Zertifikat einer Prüfstelle und auch kein Hinweis auf gute Produktqualität, sondern nur eine verpflichtende Kennzeichnung des Herstellers oder Importeurs, dass seine Waren EU-konform sind. (CE steht dabei für „Conformité Européenne“.)

  1. Für Werbung mit dem TÜV-Siegel gilt folgendes zu beachten:
  • Es ist immer das konkrete TÜV-Unternehmen anzugeben, das die Zertifizierung vergeben hat.
  • Es ist immer eine Fundstelle anzugeben (mit Verlinkung), unter der die beworbene Zertifizierung sowie die Kriterien des TÜV-Prüfverfahrens eingesehen und nachgeprüft werden können.
  • Es ist anzugeben, worauf sich die TÜV-Prüfung genau bezieht.
  1. Um mit dem GS-Zeichen für „Geprüfte Sicherheit“ werben zu dürfen, wird eine Bescheinigung der GS-Stelle benötigt.

Somit kann die Werbeaussage „TÜV / GS / CE geprüft“ als ungenehmigte Verwendung von Gütesiegeln abgemahnt und folglich als wettbewerbswidrige Irreführung eingestuft werden, wenn sie nicht von den genannten Zusatzinformationen ergänzt wird (vgl. Urteil OLG Dresden vom 11.02.2014).

  1. Die Norm DIN 32622 („Aquarien aus Glas – Sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfung“) richtet sich mit sicherheitstechnischen Anforderungen und deren Prüfverfahren an die Hersteller von Glasaquarien im privaten Nutzungsbereich. Dieser hat sich in der Produktion daran als Mindestanforderung zu orientieren. Das wird vom Konsument selbstverständlich erwartet.

MYTHOS: One size fits all.

Oder: „Viel hilft viel.“
Und mehr hilft noch mehr. Dem würde wohl jeder Marketer gerne zustimmen.

So kommt es, dass die Beleuchtung auf Starklichtpflanzen abgestimmt ist, die Filterpumpe selbst für Strömung in einem Riffaquarium genügen würde und der Heizstab für einen Gartenteich konzipiert zu sein scheint.

Von allem das Maximum ist für niemanden das Optimum! Mehr ist nicht immer auch besser.

Für die Wachstumsfaktoren Temperatur und Nährstoffe bestehen Optima, die weder über- noch unterschritten werden sollen. Für andere Faktoren wie Licht, O2 oder CO2 bestehen Sättigungskonzentrationen, über welchen kein zusätzlicher Nutzen mehr besteht. Für wieder andere Stoffe gilt sogar „Die Dosis macht das Gift“.

Nur wer die Kennzahlen und Produktbeschreibungen entschlüsseln kann, kann hinter die Mythen & Marken blicken und eine vernünftige Kaufentscheidung treffen.

Mythen und Printwerbung

Hobby-Zeitschriften finanzieren sich zum Teil über einschlägige Werbung. Dabei wird nicht immer klar und eindeutig zwischen den bezahlten Beiträgen (= Werbung) und fachlichen Beiträgen unterschieden. Auf diese Weise finden sich Werbeversprechen plötzlich in Ratgebern wieder.

Auch Verkaufsargumente können wissenschaftlich klingen. Im Zweifelsfall halten sie einer wissenschaftlichen Überprüfung jedoch nicht stand. Auch wenn sie wissenschaftlich klingen, sind Werbebotschaften in der Regel nur einfache Geschichten oder Slogans ohne besonderen Tiefgang. Daher werden sie gerne geglaubt und nicht weiter hinterfragt. Ideale Voraussetzungen für die Bildung neuer Mythen!

Marken und ihre Mythen

Durch Übertreibung oder auch Unterschlagung wichtiger Eigenschaften oder Zusammenhänge werden Produkte zu Problemlösern aller Art. Das eigene Produkt ist natürlich immer das beste. Vergleichbarkeit ist unerwünscht, ebenso wie Transparenz. Wirkung, Wirksamkeit und Nützlichkeit der Produkte werden ohne Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit angepriesen und häufig übertrieben dargestellt. In neuem Kontext können sich daraus neue Mythen bilden.

  • Produkte für Süßwasseraquarien, die plötzlich ganz allgemein für Aquarien empfohlen werden, können für Meerwasseraquarien völlig ungeeignet sein.
  • Was in Fischbecken wirkt, kann in Pflanzenaquarien kontraproduktiv sein.
    • Ob Produkte aus der Trinkwasseraufbereitung auch in der Aquaristik sinnvoll eingesetzt werden können, hängt oft von den Umständen ab.

Mythen-Schleuder ‚aquarichtig‘

Trotz Social Media haben nur wenige Aquarianer Ressourcen und Kompetenzen, ihre Kritik an Mythen und Marken mit einer breiteren Leserschaft zu teilen. Ihre Arbeit spricht für sich, auch wenn sie nicht über die Vermarktungskapazitäten von Marketingabteilungen verfügen.

Auf den beiden Websites http://www.aquarichtig.de und http://www.aquarichtiger.de konnte man ein spannendes Duell zwischen den Betreibern eines Online-Shops für aquaristische Produkte und Dennis Furmanek, der die Texte des Shops kritisch analysierte, mitverfolgen, das bis hin zu Klagsdrohungen wegen Geschäftsschädigung reichte. Die Seite des Online-Shops ist mittlerweile nicht mehr online. Die jüngsten archivierten Seiten datieren ins Jahr 2019. Aquarichtiger/Furmanek hat im April 2020 den letzten Kommentar über „eine aquarienkundliche Geisterfahrt“ gepostet. Seine Kommentare zu den Marketingaktivitäten von aquarichtig sind aber weiterhin als Lehrstück für Mythenbildung durch Faktenressistenz im Marketing interessant…